214Meine Wette mit Lia hätte ich am liebsten rückgängig gemacht, als mir klar wurde, wie wenig einfühlsam ich gewesen war und wie wenig ich zu dem Zeitpunkt von ihr wusste. Doch ohne diese Wette wäre es gar nicht zu meinem Wetteinsatz gekommen: eine Geschichte für Lia, falls ich meine Wette verlor.
Ich konnte meine Wette nur verlieren, denn ungeachtet ihrer Schönheit und der Tatsache, dass sie ein Mädchen ist, das jeden Jungen haben kann, war Lia unglücklich verliebt. Viel zu spät wurde mir klar, dass sie nur deswegen so sicher war, auch im Sommer noch alleine zu sein und ihre Wette mit mir zu gewinnen, und da wurde mir bewusst, welche Traurigkeit in der ganzen Sache steckte. Und so gerne ich ihr geholfen, so gerne ich für sie gezaubert hätte, es war schrecklich, dass ich so gar keinen Einfluss in dieser Angelegenheit hatte.
So konnte ich nur auf das hoffen, das ich manchmal kann, und als ich ihren Tagebucheintrag vom
28. April bei
deviantART gelesen hatte und wusste, dass sie mich von meinem Versprechen entbunden hatte, da wurde Lia zu einem Zigeunermädchen für mich, und ich versuchte, ihre große Liebe zum Zirkus nachzuempfinden. Was ich schreiben würde, musste sie glücklich machen, doch ich hatte keine Ahnung vom Zirkus, ich wusste so gut wie nichts darüber, hatte nur ein paar Erinnerungen an wenige Zirkusbesuche als Kind - aber vor allem wusste ich, dass ich ganz schlecht im Konstruieren von Geschichten bin. Ich kann nicht auf Knopfdruck schreiben, aber eins und eins ist zwei, und diesmal fügten sich alle Puzzleteile ganz problemlos ineinander: Freitag war ich mit meinen Wilden im Landauer Freibad und erlebte einen wunderschönen Nachmittag, später loggte ich mich dann bei
deviantART ein, lud ein paar Fotos hoch und entdeckte dabei auf Lias Page die Aufnahme ihres Sprungs in Lausanne, und gleichzeitig lief immer wieder Alanis Morissettes neue CD
Flavors of Entanglement und vor allem dieser eine Song, den es nur in der iTunes-Version gab:
It's a Bitch to Grow Up. Ich hatte ihn schon im Schwimmbad gehört, und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
In der Nacht dann schlief ich sehr tief, und morgens hatte ich den Arbeitstitel
Arena und die ersten beiden Sätze für die Geschichte:
Sie hatte die Ausstrahlung eines wilden Zigeunermädchens, und ich konnte kaum glauben, sie in diesem kleinen Zirkusrund zu sehen. Es war ein Familienzirkus, und die Ränge waren bestenfalls halb gefüllt.Zu dem Zeitpunkt war die Geschichte noch vom Verstand bestimmt, und der kleine Familienzirkus war meine Metapher für die Geschichtenplattform
myfanfiction.de, bei der ich Lia kennen gelernt habe, und es war nun meine Absicht, eine Metapher für die globale Plattform
deviantART zu finden, bei der sie aufgrund ihres Könnens meiner Meinung nach viel besser aufgehoben war. Aber es fühlte sich alles zu konstruiert, zu gewollt an, und ich zögerte. Dann sah ich das Mädchen auf dem weißen Pony, und alles wurde anders. Ich schrieb auf, was ich sah:
Ihre Nummer mit dem weißen Pony belustigte mich anfangs: sie mit nackten Füßen auf dem Rücken des Tieres stehen zu sehen...Von da an ging alles wie von selbst, und ich ahnte, dass dies eine der Hexengeschichten werden würde. Ich musste nur hinsehen und genau beobachten, und wie das Zigeunermädchen sah ich die Sichtbaren und die Unsichtbaren in der Arena, und irgendwann fühlte ich die Ewigkeit, die absolute Zeitlosigkeit der Geschichte, und ich musste nur noch die Worte finden, um die Zusammenhänge sichtbar zu machen. Plötzlich änderte sich auch der Titel
Arena zu
Zirkuskind, und "Zirkuskind" wurde zu einem sehr doppelbödigen Begriff, der sowohl das Zigeunermädchen als auch den Ich-Erzähler umfasste, und "Zirkus" war mit einem Mal eine so große Metapher, dass es mir kalt den Rücken hinunter lief. Hier entfaltete sich das göttliche Spiel vor meinen staunenden Augen, und das Pony konnte nur weiß sein, denn Weiß spiegelt alle Farben. Weiß ist die Ewigkeit.
Buch der Träume, 1. Juni 2008
ich weiß nicht ob du bücher von paulo coelho gelesen hast, aber er würde das was du dort beschrieben hast "in die weltenseele eintauchen" nennen. wenn du keins gelesen hast wird das für dich wahrscheinlich keinen sinn machen, aber den gibt es.
ich bin sehr, sehr beeindruckt von deinen worten und dich zu "watchen" hat sich wiedermal als gute entscheidung entpuppt!!!
danke für diesen wundevollen einblick!
ja das dieser gedanke gefällt mir auch sehr.
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du kannst dir nicht vorstellen, was mir diese zeilen bedeuten. <3.
ich kann nur versuchen, dir meine empfindungen durch dinge nahezubringen, die ausdruck besitzen.
in bildern: [link]
in tönen: [link]
und in denen wenigen worten, die ich gerade geschrieben habe.
danke, bo. danke. <3.