Sag meinen Namen
* Eine Geschichte von Beau Cyphre *
Da sei kein Grund, dass ich meinem Geist irgendwelche Grenzen setze. Grenzen, die auf der Art und Weise meines Denkens beruhen.
Ich habe ihn lange Zeit nicht verstanden; vielleicht verstehe ich ihn auch jetzt noch nicht, wo es ihm offensichtlich wirklich gelungen ist, seine Grenzen zu sprengen.
Was war für ihn der "Geist", und welchen Einfluss hatte das "Denken"?
Ich könnte ihn fragen. Ja, ich könnte ihn fragen.
Ich habe Gründe, es nicht zu tun. Vor allem habe ich wirkliche, tiefsitzende Angst.
Stellen sie sich eine dicke, behaarte Spinne vor - und lassen sie sich nicht täuschen: Diese Spinne ist trotz ihres fetten Leibes verdammt schnell!
Sie sind eine Fliege und haben sich in ihrem Netz verfangen.
Sie schlagen mit den Flügeln, so schnell sie nur können, aber sie kommen nicht frei. Die Spinne kommt wie der Blitz über sie, umfängt sie mit ihren langen, behaarten Beinen.
Wie groß ist die Angst, die sie empfinden?
De Niro hatte es ihm angetan. De Niro vor allem, insbesondere als Max Cady in "Cape Fear". Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?
Jeder von uns hat Angst, wenn der Wolf wirklich böse ist.
De Niros Darstellung des Max Cady gehe über eine bloße schauspielerische Darstellung weit hinaus, sagte er mir.
Psychisch sei de Niro zu Max Cady mutiert, de Niro war Cady: Er hatte den bösen Wolf nicht mehr nur gespielt.
Mike war vollkommen davon überzeugt, dass Robert de Niro in seiner Rolle als Max Cady nicht mehr de Niro, sondern eben tatsächlich Cady war.
Mike war von dieser vollkommenen psychischen Identitätswandlung dermaßen fasziniert, dass ihn der Gedanke daran nicht mehr losließ. Auf meinen Einwand hin, dass Cady doch nur die von irgendeinem Drehbuchschreiber erfundene Figur war und keine lebendige Persönlichkeit, dass sich de Niro also nur in einen fiktiven Charakter eingefühlt und dessen Verhaltensweisen einstudiert habe, Verhaltensweisen eines Reißbrett-Charakters, entgegnete Mike nur, dass es absolut keine Rolle spiele, ob die Idee Cady (so nannte er es) tatsächlich als historische Person gelebt habe oder aber letztendlich nur erfunden sei.
Seiner Ansicht nach waren wir alle nur erfunden: Jeder spiele die perfekt gelernte Rolle seiner eigenen Persönlichkeit.
Ich war "ich" nur deswegen, weil ich niemals etwas anderes sein musste.
Mike war nur deswegen "Mike" (mit all seinen Verhaltensweisen), weil er es sein ganzes Leben lang gewohnt war, weil er sein ganzes Leben lang daran gewöhnt, darauf gedrillt wurde, "Mike" zu spielen - solange, bis ihm nicht mehr auffiel, dass er nur eine Rolle spielte. Solange, bis er die Rolle mit einer Identität verwechselte.
DAS war Mikes Theorie.
"Was aber, wenn ich fest daran glaube, jemand anderes sein zu können? Was, wenn ich diesen Glauben an die Macht, an die Psyche und die Physis einer bestimmten Persönlichkeit oder eines frei von mir imaginierten Charakters so stark werden lasse, dass meine Seele die Bedingungen aus dem Sein herauskristallisiert, die zur Manifestation dieses Charakters unabdingbar sind und diese Persönlichkeit genau so schaffen, wie Gott den ersten Menschen scheinbar aus dem Nichts geschaffen hat?"
Seine Augen hatten einen fanatischen Glanz, und obwohl seine oft schrägen Ideen nichts Ungewohntes für mich waren, gefiel mir die Eindringlichkeit, mit der er diesen neuesten Gedanken verfolgte, ganz und gar nicht. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Mike drauf und dran war, seinen Verstand zu verlieren. Und falls ich anfangen würde, ihm zu glauben, würde es mir kein bisschen anders gehen.
in the flow