THE ART CRIMES: Vom Wolf und der Liebe* Eine Geschichte von Beau Cyphre - mit einer Illustration von Augenss *Ich mag das Verspielte an dir, das spontane Feeling dieser Aufnahme! Das Foto hat etwas sehr Kindliches, sehr Unschuldiges, und dennoch ist da noch etwas, das zeigt, dass du es gleichzeitig faustdick hinter den Ohren hast.
"Danke : )"Du bedankst dich? Braves Mädchen! Deine Großmutter hat dich gut erzogen. Wer weiß, wozu es gut ist? Denn es war einmal...
So fangen alle Märchen an. Märchen, die gut ausgehen, und Märchen, die ein schlimmes Ende haben. Es war einmal ein großer, böser Wolf, der durch den Wald streifte, und der Wolf war sehr hungrig. Er hatte einen wirklich schlechten Tag gehabt, denn im Wald war kein Laut zu hören, nicht das kleinste Tierchen machte einen Mucks, und der Wald war wie ausgestorben. Je länger der Wolf da so umher streifte, umso hungriger wurde er, und als er seine scharfen Zähne aus Verzweiflung schon in die Rinde eines Baumes schlagen wollte, hörte er von ferne den leisen Gesang eines Mädchens.
Bist du ein braves Mädchen? Dann werde ich gerne weiter erzählen...
"Ich werde gerne weiter lesen... ; )"Dann bist du kein braves Mädchen. Aber brave Mädchen sind langweilig. Brave Mädchen würden wohl niemals einem richtig bösen Wolf begegnen.
Nun, so sei es! Dann hör mal gut zu...
"Dann höre ich..."Dieser Wolf war sehr böse. Das ist im Grunde nichts wirklich Schlimmes, denn alle Wölfe sind so. Im Unterschied zu uns Menschen bekommen sie nämlich nicht andauernd gesagt: "Tu dies nicht! Tu das nicht! Und wenn du jenes tust, dann tu es so!"
Sie bekommen nichts gesagt, und wenn man ihnen etwas sagen würde, dann wäre das ein ganz einfaches: "Tu, was immer du willst!"
Denn Wölfe sind Wesen, die nur auf diese eine Stimme hören - diese eine Stimme, die manchmal nur flüstert und dann wieder ohrenbetäubend laut ist. In Ermangelung eines besseren Wortes haben wir Menschen diese Stimme den Instinkt eines wilden Tieres genannt.
Aber wir wollen unseren Wolf nicht vergessen! Er war ein besonders böser Wolf, weil er im tiefsten und dunkelsten Wald geboren war, und er hatte nur sehr selten das helle Tageslicht gesehen. Inmitten der Schatten war er besonders groß und sehr, sehr stark geworden. Nun, wie kann das sein? Es ist ein uralter Aberglaube, dass Dunkelheit die Abwesenheit von Licht ist. Dunkelheit ist ein besonders intensiver Zustand von Licht, und so hatte der Wolf alles, was nötig war, um ihn besonders wild werden zu lassen.
Und als er nun den leisen Gesang des Mädchens vernahm, war die Stimme in ihm so laut, dass sie alles andere übertönte, und seine Wildheit steigerte sich ins Unermessliche.
Nun war Rotkäppchen trotz allem nicht schutzlos, denn sie hatte etwas, das dem Wolf nicht mehr eigen war - und Unschuld ist eine sehr mächtige Waffe. So dachte sie sich zunächst nichts dabei, als der mächtige Schatten unvermittelt vor ihr auf dem Weg auftauchte. Sein lautes Knurren ließ ihren Körper vibrieren, und das Vibrieren ergänzte sich gar wunderbar mit dem Lied, das sie nicht aufhörte zu singen.
Aber hatte das Mädchen denn so gar keine Angst, werdet ihr jetzt sicher fragen? Nun, Rotkäppchen wäre wohl zumindest erschrocken ohne ihr Lied - aber das Lied war wie ein Mantel, und weil sie eben ein braves und gut erzogenes Mädchen war, hielt sie sich daran, ein begonnenes Lied ganz bis zum Ende zu singen - komme, was wolle! Der Wolf aber...
Der Wolf aber hatte noch nie im Leben ein so schönes Lied gehört, und so hungrig er auch war, sein Hunger war nichts gegen das, was er jetzt empfand. Er kam näher und näher, und zutraulich legte er seine große Schnauze in Rotkäppchens Schoß. Ihr Geruch gefiel ihm, und er leckte sehr zärtlich des Mädchens Hände, knurrte nur noch leise - wie, um ihren Gesang zu begleiten, der ihn so sehr von seinem Hunger ablenkte. Rotkäppchen aber schien sicher, und so erfand sie nun Strophe um Strophe, um dem mächtigen Tier in ihrer Nähe auch weiter zu Gefallen zu sein.
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