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May 31, 2008
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Zirkuskind

* Eine Geschichte von Beau Cyphre *

Inspiriert von lausanne made me jump

Für Lia, für Ilke


"I've repeated this dance at nauseum
There's still something to learn that I've not
I'm told to see this as divine perfection..."

Alanis Morissette, It's a Bitch to Grow Up





Sie hatte die Ausstrahlung eines wilden Zigeunermädchens, und ich konnte kaum glauben, sie in diesem kleinen Zirkusrund zu sehen. Es war ein Familienzirkus, und die Ränge waren bestenfalls halb gefüllt. Ihre Nummer mit dem weißen Pony belustigte mich anfangs: Sie mit nackten Füßen auf dem Rücken des Tieres stehen zu sehen, so konzentriert im Gesicht, und dann mit weit gespreizten Beinen über den Kopf des Ponys abspringen, mit einem so strahlenden Lächeln, dass es unfassbar schien, im Gegensatz zu der so ernsthaften Konzentration kurz zuvor. Und dann stand sie fest auf dem Boden der Arena, verbeugte sich, und der Applaus brandete auf, fast so, als wären die Ränge nicht zur Hälfte, sondern ganz gefüllt. Dann endete die Vorstellung, denn ihre Nummer war die Letzte, ein Tribut an die zahlreichen Kinder im Rund der Manege, die oft noch nach vorne kamen und das Pony des Zigeunermädchens streicheln durften.
Der Zirkus hatte sechs große Vorstellungen die Woche, und er blieb vier Monate lang in unserem kleinen Städtchen. Ab und zu fiel mir das Schild "Ausverkauft!" an den Aufgängen ins Zelt auf, und mit etwas Wehmut betrachtete ich diese Erinnerung an bessere Zeiten.
Die Vorstellung lief stets gleich ab; es gab keine Überraschungen. Aber sämtliche Auftritte geschahen in Perfektion, und mehr und mehr schien alles auf die Nummer des Mädchens hinauszulaufen. Wie sie da stand auf dem Rücken des kleinen Pferdes, die Arme zur Balance seitlich ausgestreckt, auf ihrer einen Runde unter den Blicken der Zuschauer in der immer nur halb gefüllten Arena, und dann der immer gleiche perfekte Sprung über den Kopf des Ponys - dieser Sprung, bei dem sie einen winzigen Augenblick in der Luft zu hängen schien wie im Standbild eines Films, bis jeder vollkommen unter dem Eindruck dieses unglaublichen Lächelns stand. Und dann traf sie auf mit geschlossenen Füßen, stand fest und sicher, und sie verbeugte sich in alle Richtungen, stets dreimal, und nahm den verdienten Applaus entgegen, der immer ohrenbetäubend war, und auch ich ertappte mich dabei, mit den Füßen zu trampeln.
Auch ich ging diesmal nach vorne wie die Kinder, um das Pony zu streicheln, ich wollte Zirkusluft schnuppern und ganz nahe dran sein, wenn die Kleinen dem Mädchen ihre neugierigen Fragen stellten. Zuerst hörte ich ihr unverkennbares Lachen, ein so ungekünsteltes Kinderlachen, dass ich es niemals vergessen werde, aber davor noch war ihre Antwort, die mir erst im Nachhinein bewusst wurde, weil sie so wenig Sinn für mich ergab:
"Ja, sie halten mich fest mit ihren Blicken, und ich kann gar nicht fallen!"
Und von da an sah ich ganz genau hin.

Es konnte eine Täuschung sein, aber sie schien wirklich einen Augenblick mit weit gespreizten Beinen in der Luft zu stehen, ganz toter Mann unter Wasser, wie unter Wasser, aber ihre Haare flogen, und alles bewegte sich im Rund der Manege, die Gesichter der Menschen fingen ihr Lachen auf und lachten mit wie in Zeitlupe, manchmal wie in Zeitlupe, ja - die Zeit schien ehrfürchtig innezuhalten bei ihrem Sprung. Und dann traf sie auf, der Staub wirbelte zu ihren nackten Füßen auf, und sie stand fest und still, und ich konnte nicht anders als klatschen und trampeln und atemlos sein.

Ich konnte nicht anders als mich wundern, während der Clown das Schild "Ausverkauft!" an den Treppenaufgang stellte, und ich wollte ihn fragen, aber das Gedränge und der Lärm, alles war zu groß und zu viel, und als die Sonne hinter mir und ich im Halbdunkel des Zelts war, da war es berstend gefüllt bis auf den letzten Platz und dann wieder halb leer, und ich rieb mir die Augen und konnte meinen Platz nicht finden, weil alles besetzt war. Doch die Stimme des Platzanweisers war beruhigend wie immer, als er mit weit ausholender Geste bei einer angedeuteten Verbeugung auf die leeren Ränge zur Linken zeigte und mich mit seinen silbernen Augen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte, scheinbar unendlich lange anschaute: "Nur herein spaziert! Hier finden alle ihren Platz, und keiner muss draußen bleiben!"
Aber diesmal beruhigte mich seine Stimme nicht, mir war kalt, und ich wusste, ich hatte viele Fragen, und ich würde mir meine Fragen gut merken müssen, um nicht eine zu vergessen, während sich die Ränge vor meinen Augen mit Menschen leerten und füllten, leerten und füllten, und ich würde dem Zigeunermädchen meine Fragen stellen, wenn ich diesmal nahe genug an sie heran kam: Wie lange ist euer Zirkus schon hier, sag es mir, und wie lange bin ich im Zirkus?
Aber vor allem werde ich diesmal ganz genau hinsehen, ja. Ich werde sie nicht aus den Augen lassen, und ich werde ihr Lächeln zu begreifen versuchen, wenn sie festen Stand hat und sich vor den Sichtbaren und den Unsichtbaren verbeugt, und dann werde ich sie vielleicht fragen, auf welche Seite ich gehöre, falls mich mein Mut nicht verlässt.
Ich sehe mich nach links und nach rechts um, und die Arena ist so viel größer, als ich gedacht habe.
Das Pony des Mädchens aber ist weiß. Es ist weiß! Ich bin sicher.
Ich kann ihren Auftritt kaum abwarten.
:iconbeaucyphre:
Eine Hexengeschichte aus der MATRIX.

Image: lausanne made me jump, © puky

Mehr über Zirkuskind: 214



Beau Cyphre / Art & Photography



Love is a drug, I realize that now, and there's no way out of my misery: I have to do what you want me to do, and you don't need to tell. This is automatic, and so I push you against the wall and spread your legs with one single move. We're sealed in a kiss, but I feel out of my body and seem to be a complete stranger now: A stranger's body possessed by my demon making love to you really old school, and this body fucks you like an animal. This body's mine, this body's me, and this body's also the sun, and I feel your reflecting heat in the same way he does, and finally so close to my orgasm I understand what's meant by the holy and the secret divine things, and our ménage à trois becomes trinity. Lust U always and say a prayer...

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:iconnicolasscheerbarth:
~NicolasScheerbarth Feb 10, 2013  Professional Writer
Eine sehr schöne, dichte Erzählung mit einer interessanten Dynamik: Ich habe langsam angefangen und dann unwillkürlich immer schneller gelesen, bis es am Ende im eigenen Kopf weiterzugehen scheint, ein jähes Ende, das doch eigentlich keines ist, einer Geschichte, die viel zu kurz und doch endlos ist.
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:iconbeaucyphre:
*BeauCyphre Feb 15, 2013  Professional Writer
Vielen Dank! Wenn jemand wirklich liest, ist es immer wunderbar für jemanden, der gerne schreibt; wenn jemand dazu noch begreift und in der Lage ist, so auf den Punkt sinnvolles und wunderschönes Feedback zu geben, ist es eine Ehre.
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:iconnicolasscheerbarth:
~NicolasScheerbarth Feb 16, 2013  Professional Writer
Bitte, bitte, gern geschehn! Ich habe leider seit Anfang des Jahres aus beruflichen Gründen viel weniger Zeit zum Lesen und privaten Schreiben als in den letzten beiden Jahren, sonst käme da auch öfter und mehr von mir.
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:iconbeaucyphre:
*BeauCyphre Feb 26, 2013  Professional Writer
Nur kein Stress, Nicolas! Ich kann gerade leider auch nicht so, wie ich eigentlich will.
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:iconwiththelight:
Oh Gott, so voller Surrealitäten! Und danke für die Widmung. Danke. Ich liebe die Welt, die du uns da zeigst. Will weiter lesen, will nicht, dass der Text endet. Zeit ist etwas seltsames. Hier bleibt sie stehen. Ich weiß nicht, aber irgendwie kann man die leicht staubige Luft knistern spüren. Ich merke wie du jedes Wort dem Traum gleichsetzt. Es ist alles ein Traum. Was könnte es schöneres geben? Es mag vielleicht seltsam klingen, aber die Geschichte wirkt so vertraut. Wie ein Traum, den ich schon mehrmals geträumt habe.
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:iconbeaucyphre:
*BeauCyphre Aug 31, 2012  Professional Writer
Nichts zu danken, denn die Widmung verdienst du; die Geschichte passt einfach zu dir.
Mir geht es ähnlich mit dem Text: Ich will nicht, dass er endet. Ich denke, er tut es auch nicht, denn die Geschichte hat keinen Anfang und kein Ende; sie bewegt sich in ihrem ganz eigenen Kosmos: Unserem Kosmos, unserem Leben. Und hinter dem Vorhang brauchen wir uns nur umzudrehen, um zu sehen, dass es gar keinen Vorhang gibt. Da ist immer nur die Manege.
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:iconwiththelight:
Ich erinnere mich daran, dass ich vor zwei Jahren dieses Zeile geschrieben habe, wenn es darum ging, mich selbst zu beschreiben: It's black, pitch black behind the curtain.
Es ging darum, den Halt zu verlieren und sich selbst in all den Rollen nicht wieder zu finden. Heute sehe ich das anders, aber die Zeile hat immer noch Gewicht. Nur anders. Aus diesem schwarz kann ich alles machen, was ich will und auch ohne Scheinwerfer und Fackeln hängt das Trapez im Zirkuszelt. Ich fliege.
All diese Dinge erinnern mich auch an meine Lieblingswelt von früher. Nimmerland.“All the world is made of faith, and trust, and pixie dust.”
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:iconbeaucyphre:
*BeauCyphre Sep 4, 2012  Professional Writer
Interessant. Du hast eine sehr poetische Weise, dich selbst zu beschreiben, und im Unterschied zu mir scheinst du dich ganz gut selbst zu kennen. Ich verliere mich mit jedem Tag mehr, und obwohl mir dieser Gedanke früher Angst gemacht hätte, genieße ich das Gefühl immer mehr. Je mehr man sich selbst verliert, umso beweglicher wird man, und ja, es ist vergleichbar mit deinem Fliegen.
Nimmerland - auch das kann kein Zufall sein. Ich bin immer noch auf der Suche danach. Und irgendwo ist es, ganz sicher.
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:iconwiththelight:
Ich kenne mich selbst nicht gut. Ich dachte es, aber ich kann immer nur Momentaufnahmen machen, der Rest ist völlig ungewiss. Genau wie du verliere ich mich manchmal darin, driftig into a layer of dreams. Doch ich mag das. Irgendwie. Nimmerland? Beim zweiten Stern links und dann immer geradeaus bis zum Morgen.
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:iconbeaucyphre:
*BeauCyphre Sep 6, 2012  Professional Writer
Und siehst du, wie verrückt ich bin? Zwei Tage vorher schreibe ich dir noch, dass ich das Gefühl immer mehr genieße, und jetzt rede ich von Angst. Als ob ich zwischen zwei Polen hin- und herpendle.
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